Gut 200 Jahre sind verstrichen, seit Claire Démar sich in ihrer Wohnung in Paris
mit einem Freund das Leben nahm und ihr »Zukunftsgesetz« versiegelt hinterließ.
So wurde ihr Hauptwerk 1834 posthum gedruckt, vergessen – und fand erst
viel später einen prominenten Fürsprecher: »In jeder Epoche muß versucht
werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen«,
schreibt Walter Benjamin in seinen Thesen »Über den Begriff der Geschichte«. In
der Tradition einer solchen Geschichtsschreibung steht diese erstmalige Übersetzung
von Demars beiden Manifesten, die vom sichtlich beeindruckten Benjamin
in dessen »Passagenwerk« zitiert werden.
Claire Démars radikale Kritik an der Institution der Ehe und ihrer Doppelmoral
zielt darauf ab, das weibliche Individuum aus sämtlichen moralischen, sozialen
und machtpolitischen Abhängigkeiten herauszulosen, ohne dabei auf sinnliche
Liebe verzichten zu müssen. Diese explosive Mischung aus Sozialutopie und
avantgardistischer Kritik am romantischen Liebeskult fordert eine Umwälzung
des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern.
Die Erstausgabe von Démars »Zukunftsgesetz« blieb weitgehend unbeachtet. Das
die Stimme dieser freiheitsliebenden Vorkämpferin nun endlich ins Deutsche
Eingang findet, ist ein überfälliger Seitensprung in die abenteuerlichen wie
mutigen Anfange der Frauenbewegung im Frankreich des frühen 19. Jahrhunderts.
Die im Anhang enthaltenen Briefe und Dokumente geben einen Einblick
in die Diskussionen, die innerhalb der Saint-Simonisten um die politische und
soziale Zukunft der »neuen Frau« geführt wurden. Stieß Claire Démars radikale
Forderung nach freier Liebe bei ihren Zeitgenossinnen auf Widerstand, so
ist es heute ihre von religiösen Begriffen durchzogene Sprache, die sie dem
Mainstream-Feminismus entfremdet. Denken und Gefühl, weibliche Sprachgewalt
und Gerechtigkeitssinn, treffen in dieser markanten Schrift aufeinander,
die beides zugleich – Abschiedsgesang und Zukunftsmusik – ist.
180 Seiten
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